Im Gespräch mit Jørgen Angel

Folgend nun Auszüge in deutscher Übersetzung aus dem Interview mit Jørgen Angel über Uriah Heep, das vollständig in "Uriah Heep Golden Years" abgedruckt ist. Das Gespräch führte Stefan Eickhoff.

Wie war das Konzert in Oslo 1974?
Laut! Vor dem Konzert gab mir der Roadmanager Ohrenschützer, damit ich mir nicht mein Gehör ruiniere. Und das waren nicht etwa nur diese baumwollenen Dinger, die man in der Apotheke kriegt, das waren die solideren, die auch das Militär benutzt, wenn große Kanonen abgefeuert werden. Man wärmt sie in den Händen auf, bevor man sie einsetzt. Die waren so gut, daß man mit niemandem mehr sprechen konnte. Das bedeutete, daß ich vor den riesigen Lautsprechern umherlaufen konnte, ohne mir das Gehör zu ruinieren. Die Band war sehr laut, aber so konnte ich es genießen. Wegen dieser Ohrenschützer konnte ich sehr genau hören, was die Band spielte. Ich konnte den Bass richtig physisch erleben, ich spürte, wie mir die Soundwellen aus den Lautsprechern entgegen schlugen. Wenn ich diese Dinger nicht gehabt hätte, dann hätte ich alles wohl nicht so gut gehört. Und nach dem Konzert sowieso gar nichts mehr. Ein guter Weg laute Musik genießen zu können. Seit dem hatte ich immer solche Ohrenschützer in meiner Foto-Ausrüstung mit dabei. Am nächsten Tag, als die Band in einer anderen norwegischen Stadt auftrat, flog ich zurück nach Kopenhagen. Leider verpaßte ich dabei die Gelegenheit, einmal zusammen mit der Band aus einem Hotel hinausgeworfen zu werden. Mir hat später jemand erzählt, Gary Thain hätte mit einem Feuerzeug die Sprenkel-Anlage ausgelöst und das ganze Hotel unter Wasser gesetzt.

Was hast Du noch für Erinnerungen an Gary Thain?
Nicht so viele. Vor dem Auftritt hat er sich auf dem Bass etwas warmgespielt, aber er war im Grunde sehr verschlossen, hat sich nach außen ziemlich abgeschottet. Ich konnte nicht mit ihm reden. Er war nicht leicht anzusprechen. Aber er war in keiner Weise unangenehm.

Du hast mir vorhin gesagt, Du hättest David Byron nicht so besonders gemocht…
Wie soll ich es ausdrücken? Es waren alles nette Kerle. Aber David hatte manchmal ein Problem damit, nett zu sein. Bei den anderen kam das natürlich. Aber ich denke, David mußte sich anstrengen um nett zu sein. Es war viel leichter für ihn, manchmal etwas böse zu sein. Er stach zum Beispiel gerne um sich mit Worten. Zwischen den anderen und mir gab es einen gegenseitigen Respekt. Sie waren Rockstars und ich ein Fotograf. Sie wußten, daß sie keine Rockstars sein könnten, ohne die Presse, und ich, daß ich ohne Stars nicht meinen Lebensunterhalt als Fotograf verdienen könnte.

Ken Hensley hast Du damals öfters zu Hause besucht?
Ich denke, es war 1975, als ich ihn das erste Mal besuchte. Er hatte ein gewöhnliches, aber hübsches Haus nicht weit vom Heathrow Flughafen. Ich war in London mit einer Dame und wollte Kenny in Brands Hatch mit seinen Rennwagen fahren sehen. Leider kamen wir etwas zu spät um ihn noch fahren zu sehen. Wir trafen ihn, als er und seine Frau Pat gerade gehen wollten. Sie nahmen uns mit zu sich nach Hause – und zu ihrem Hund Maggie. Kenny fuhr allerdings so schnell, als wäre er noch immer in einem seiner Rennautos. Er fuhr jetzt mit seinem BMW noch immer an die 140 Meilen (ca. 225 km/h!), während meine Dame und ich auf der Hinterbank saßen. Sie bekam wirklich Angst und ich bat Kenny diskret, doch ein wenig langsamer zu fahren. Er sagte nur: »Ja, ja, keine Gefahr, ist schon OK« und fuhr unverändert in diesem Tempo. Auch Pat bat ihn, doch bitte etwas langsamer zu fahren. »Ah, kein Problem.« Dann sagte ich, wenn er nicht langsamer fährt, dann wird meiner Dame schlecht. Und da er nicht wollte, daß sie sich in seinem Auto übergibt, ging er schließlich runter auf 100 Meilen (ca.160 km/h).
Soweit ich weiß hat er das mit seinen Rennwagen aufgeben müssen, weil Leute von seiner Versicherung in der Zeitung über ihn und seine Rennfahrerei gelesen hatten und nun androhten ihm seine Lebensversicherung zu streichen, wenn er nicht damit aufhöre. Also mußte er aufhören. Ich weiß aber, daß er sehr an der Rennfahrerei hing.
Später, als er dann seinen Rolls Royce hatte, konnte er noch immer nicht den Fuß vom Gaspedal lassen. Ich erinnere mich, als er einmal mit mir von seinem Haus nach London hinein fuhr. Er fuhr, als hätte er es furchtbar eilig – er trat das Gaspedal immer voll durch, wenn der Verkehr ihn nicht zwang, auf die Bremse zu treten. So fährt man eigentlich keinen Rolls Royce. Der hat eine derart weiche Federung, daß wir bei dieser Fahrweise auf und ab schaukelten als führen wir Achterbahn. Aber Kenny wußte im Grunde genau, wie man korrekt Rolls Royce fährt: Stell Dir vor, Du wärst ein Chauffeur und Dein Boss sitzt auf der Rückbank und will seine Financial Times lesen. Man muß die Karosse beim Fahren im Gleichgewicht halten. Aber ich war nicht der Boss und Kenny nicht mein Chauffeur, also fuhren wir auf einer Achterbahn nach London.
Einmal kam David bei Ken vorbei, um ihm seinen neu erstandenen Rolls Royce vorzuführen. Das hat mich nicht beeindruckt. Was mich beeindruckte war die Geschichte, wie man erkennt, daß der Motor eines Rolls Royce optimal eingestellt ist: Kenny holte ein Glas Whisky und stellte ihn auf die Motorhaube von Davids Rolls. Wenn der Motor läuft darf man nicht die geringste Bewegung in dem Whisky sehen. Das kann man wahrscheinlich auch mit einem Glas Wasser machen, aber das wäre einfach nicht
dasselbe, oder?

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